Anschluss vertiefen – Auszüge

Intentionen

Seit 1992 ruft der Friedrich-Bödecker-Kreis in Sachsen-Anhalt e.V. die Schüler des Landes alljährlich zum Schreiben auf. Im Schnitt gehen daraufhin Jahr für Jahr ca. 4.000 Texte ein, die von einer Jury (in den letzten Jahren in Zusammenarbeit mit der Uni Halle) bewertet werden: eine Auswahl für die jährlich erscheinenden FBK-Anthologien wird getroffen und Teilnehmer für Schreibworkshops werden ausgewählt. Bundesweit gibt es in Kontinuität und Breite nichts Vergleichbares.

Obgleich literarische Nachwuchsarbeit mit der Qualifizierung von Musikern oder Bildenden Künstlern kaum vergleichbar ist, da hier neben der Vermittlung von Handwerk ungleich mehr individuelle Entwicklungsfaktoren hineinspielen, ist doch zu bemerken, dass diese beharrliche Breitenarbeit zu einer „Spitze“ führen kann: Dies belegen z.B. eindrucksvoll Preisträger des Landesjugendkulturpreis oder des Nachwuchsjournalistenwettbewerbs sowie Absolventen  des Literaturinstituts Leipzig…

Die Erfahrungen der letzten 15 Jahren zeigen jedoch, dass es für ehemalige (und begabte) schreibende Schüler meist schwierig ist, nach ihrem „Schülersein“ den Anschluss in den Strukturen der Autorenvereine und –verbände zu finden, ebenso wissen „Quereinsteiger“  nicht so recht wohin – gehen möglicherweise Talente (zumindest für unser Land) verloren. Hier setzte die „Anschluss“-Projektidee an: gerade diesen „zwischen Baum und Borke“ stehenden Nachwuchsschreibern mit hiesigen Besonderheiten bekannt zu machen, so Identitäten zu stiften und zur literarischen Auseinandersetzung mit diesen Platzfindungsprozessen anzuregen. Hier einen Einblick in die jüngste Publikation der FBK-Anschluss-Reihe:

 

Mathias Handke

Zerfall

Ich werde nach Hause fahren. Den Wagen in
der nächsten Einfahrt wenden, im nächs ten
Dorf. Unmissverständlich aufbrechen und nach
Hause fahren. Heimfahren. Alles, was an die-
sem Wort hängt, wie ein Anker im Mark, bricht
auf und fällt über mich: Heimfahrt, Heimat,
heimische Gewässer, Vögel, Bäume, Gras. Die
zerfahrenen Straßen, das Summen der Hoch-
spannungsleitung, die Gleise.
Jeder Gedanke zeichnet einen Pfad und meine
Mutter, meine Schwester, meine Jugend.
Ich habe am Straßenrand gehalten und bin
ausgestiegen. Ich bin die Böschung hinunter
gelaufen. Das Gras zischte unter meinen Fü-
ßen.
Jeder Strauch und jeder Baum gleicht dem
anderen. Dem Baum und dem Strauch ist es
egal, wo er wächst. Und doch ist jede Wurzel
unmittelbar mit der sie umgebenden Erde ver-
eint. Es ist nicht denkbar, dass ein Baum an
einer Stelle wächst und an einer anderen Stel-
le weiter wächst. Das Bild eines Baumes oder
Strauchs gehört in das Bild einer bestimmten
Landschaft und somit ist dies vereint: der
Baum, der Strauch, die Fahrenden auf der
Landstraße.
Aus den Tälern steigt dichter Rauch oder Nebel
und legt sich über die Baumflächen und zer-
reißt. Die Feuchtigkeit knirscht. Sie hängt an
den Zweigen. Die Tropfen glitzern. Zwei Krä-
hen starten vom kahlen Feld.
Ich will in den Wald gehen und vergessen wer-
den; mich Schritt für Schritt vom Wagen entfer-
nen. Zunächst folge ich dem Pfad, dann gehe
ich in das Unterholz und vom Parkplatz her bin
ich nicht mehr zu sehen. Und mir dessen be-
wusst gehe ich weiter. Die Zweige kratzen in
das Gesicht oder ich schiebe sie beiseite.
Ich gehe ohne ein Ziel ohne Erinnerung. Denn
jede Erinnerung würde mich zurückziehen, wie
an einem Seil diesen Weg zurück. Sie würde lo-
cken, belehren, in mich hineinwachsen, frisch
und geläutert würde sie von meinem Bewusst-
sein Besitz ergreifen und in mir Gedanken her-
vorrufen, dass ich zurückkehren muss, bevor
etwas zu spät ist, verändert ist.
Ich trete in die Schankstube ein. Meine Schritte
werden vom Boden dumpf zurückgeworfen.
Jeder Schritt schneidet die Stille wie das Tippen
mit dem Finger auf die Tischplatte.
Die Aufmerksamkeit der Anwesenden, des
Mädchens, der Wirtin, fällt in den Takt der
Schritte, in den Klang der Holzdielung, in das
Gesicht des Suchenden: nach einem Platz,
einem Tisch.
Dann gehe ich. Alle Tische sind frei, außer ei-
nem. Und gehe so, als wüsste ich es vorher.
mit diesem Gebäude ist, seit Jahren, so scheint
es, unverändert.
Als betrachte ich ein Bild: das blonde Mädchen
zwei Tische weiter. Sie schaut mich an, als
müsste das Kleid so schmutzig aussehen und
damit die Hände und die Finger. Die Haut soll
genau diesen Farbton aufweisen.
Ich erkenne den Geschmack des Verfalls. Er
bricht in meine Gedanken und mit ihm Erinne-
rungen. Sie sind fassbar, als erwache ich in der
Nacht, in den letzten Ausläufen eines Traumes.
Hinter dem Fenster grenzt ein zur Ernte be-
reites Feld. Fahrspuren einer landwirtschaft-
lichen Maschine teilen dieses, soweit ich es
übersehen kann.

So bist du gebrochen und hängst doch am
Baum, gehalten von einer äußeren Form.
Tiefer im Wald: wie einer, der frei taucht, des-
sen Weg nach oben schwerer wird, je länger er
sich nach unten ziehen lässt, bis die Oberfläche
ein glänzender, schimmern der Flächenbrand
am Horizont ist.
Und wenn ich stehen bleibe, dass mich die
Bäume, ihre Strömung, ihr Atem, in jede Rich-
tung ziehen wollen, dass sich Schwindel auf
die Augen legt und den Geist. Da ist ein Un-
geheuer und sieht mich und sieht alles von
mir, als stände ich da nackt oder nicht mal mit
Haut. Wie eine Drohung stehen die Bäume und
lassen den Wind durch.
Die Dämmerung beginnt. Die Nacht. Und der
Wagen am Rastplatz wird mit Feuchtigkeit be-
schlagen und vom Laub und vom Staub.
Die Wirtin tritt an den Tisch. Keine Zeit kann
da vergehen, kein Augenblick, kein Gedanke
dazwischen. Das Sichsetzen und das Erwarten
der Wirtin sind eins, ein Guss, eine Handlung.
Auch meine Hände, die auf dem Tisch ruhen,
und der Geruch des Tisches, die darauf plat-
zierten Utensilien sind mit dieser Handlung
verwoben, als sei der gesamte Gedanke an
die Schankstube in einem geboren, existiert
in einem und zerfällt in einem: nach einer Se-
kunde, nach einem Blick aus dem Fenster, nach
einem Aufsaugen des blauen Himmels. Die
aufgefächerten Wolken, das großartig dadurch
geworfene Licht der abendlichen Sonne.
Diese Pension ist mir nicht bekannt. Ich über-
nachte regelmäßig in verschiedenen Hotels.
Hätte ich es mir aussuchen können, so hätte
ich mich nicht hierfür entschieden. Als stehe
hier die Zeit. Das Gebäude und das, was in und
Darum sind mir die Fahrten über das flache
Land die liebsten: Es darf nichts verstellt sein.
Das Land muss flach daliegen. So bin ich von
etwas Vertrautem umgeben.
Das flache Land mit krummen Bäumen, die
den tief hängenden Himmel aufspießen. Daran
kann ich denken.

Auszug aus einer längeren Prosaarbeit

 

Sascha Kokot

Dort fällen sie noch immer auch wenn die-
Krähen schon lange nicht mehr wissen wohin
die Nester hängen in dieser Mark steig ich
in ihre Spuren eine Schneise zwischen den
kurzen Tagen im Regen dem schwarzen Boden
den guten Nachrichten schwer und zäh das
Maul sein eigener Leib in dürren Abständen
folgt ihr Hieb setzt uns nach treibt aus dem
Revier ins offene Becken auf drei Beinen
hinkend den Jäger aber was genau ist nicht
zu sehen hier.
Hier ist Einer der davon gekommen ist
wenn sie vor dem Tor wüten
fortwährend dagegen schlagen
sich einen Zugang brechen
die letzte Viehsperre überwinden
ausschlachten was sie vorfinden
sie fahnden nach dem was zurückblieb
vergraben und überwachsen wurde
nicht mehr auf den Listen zu finden ist
blindes Gebiet als Hinterlassenschaft
niemand kümmert sich um die Knochen
im Keller die spielenden Kinder
die letzten Zeilen in den Akten
sie können nicht mehr eingesehen werden
nach dem Tod reißt die Spur ab zu dem
was wir zum Abschied sagen sollten.
Die Stadt steht nun kahl unter diesem Himme
der sich nicht entscheiden kann
in welche Richtung er abziehen soll
an jedem Horizont wartet
eine andere Wetterlage
ich bin im Jahr nicht mehr zu verorten
sogar dem Kater im Fenster fällt es schwer
seinen Blick an einen Schwarm zu heften
zu uneins sind sich die Vögel
wohin sie ziehen sollen
gestern schlugen Blitze aus dem Boden
sie durchleuchteten die Nacht
in den oberen Schichten
doch im Radio sprach niemand davon und
die Straßenbahnen rollten im Morgen
mit dem immergleichen Lärm an
dass die Sonne jetzt im Norden steht
stört Niemanden so recht
nur die Häuser in Hanglage
sind neuerdings erschwinglich.

 

Gilead Kinski

KNOPFMANN

Ich tue das schon, solange ich denken kann.
Wann immer ich dazu komme, meist wenn
ich mich unbeobachtet fühle. Manchmal aber
auch völlig unheimlich, also quasi nicht im Ver-
borgenen.
Nervenkitzel? Hmmh. Der Nervenkitzel spielt
für mich dabei eine sehr große Rolle.
Nein, nicht hier im Café. Aber wenn man mit
der Bahn fährt, im letzten Abteil, und wenn
dann noch die Tür zum Fahrerstand offen
steht. Dann gehe ich da hinein, ziehe mir einen
Handschuh über. Und ZACK! Geht’s los!
Na ja, wenn man das an so einem Ort macht,
an dem man sich nicht auskennt und von dem
man nichts versteht, dann hat das einen Effekt,
den ich nicht vorhersehen konnte. Das ist es,
worum es mir geht!
Die Ursache ist ja generell eine kleine, aber die
Folgen können manchmal durchaus fatal sein.
Es kann doch nicht alles sein, mal in einem
öffentlichen Gebäude den Feueralarm auszu-
lösen. Wenn man mit offenen Augen und ein
wenig Phantasie durchs Leben geht, dann er-
kennt man seine Möglichkeiten.
Neeh! Ich bin bisher noch nich’ erwischt wor-
den. Ich gebe mir immer große Mühe, unent-
deckt zu bleiben, auch wenn’s mir manchmal
mächtig in den Fingern kribbelt. Die eigene
Sicherheit geht vor.
Einmal, das war bei einer Betriebsbesichtigung
bei einem Verpackungshersteller, da hab ich
mich von der Gruppe entfernt, als ich merk-
te, dass da ein Raum offen stand. Also bin ich
rein, und Sie glauben ja nicht, welche Mög-
lichkeiten sich mir da auftaten, aber ich konn-
te ja niemals alle nutzen. Also hab ich einmal
mit der flachen Hand ZACK! und dann bin ich
rausgeflitzt. Zu den Toiletten, Finger in Hals,
ein wenig den Pullover beschmiert, abwarten.
Das war schon ein ziemlicher Coup. Eine Ma-
schine im Nothalt, eine zweite wollte gerade
herunterfahren, in der ganzen Halle die oran-
gen Rundumleuchten. Und meine Besucher-
gruppe völlig aus dem Häuschen. Solche Trot-
tel!
In dem ganzen Werk fuhren auch noch so com-
putergesteuerte Hubwagen mit Elektromotor.
Also wenn ich da rangekommen wär, das wäre
auch so eine Sache gewesen.
Aber eine richtige Herausforderung wäre das

auch noch nicht. Eine Herausforderung wäre
ein Kraftwerk oder wenigstens ein Umspann-
werk. Einfach ZACK! die Ursache und im nächs-
ten Augenblick auch schon der Effekt. Aber
bisher sehe ich da keine Möglichkeiten. Leider.
Nein!
Ich richte doch keinen Schaden an. Wissen Sie,
ich sehe mich in der Tradition von diesem Un-
sympath mit dem Fett-und-Filz – Flitz. Das sind
meine Beiträge, unsere Gesellschaft mitzuge-
stalten.
Aber denken Sie bloß nicht, dass es um Protest
geht. Die Aktion um der Aktion oder vielmehr
um der Reaktion willen!
Danken Sie mir nicht!
Ich muss Ihnen danken. Auf diesem Weg kann
ich zu all den anderen da draußen sprechen.
Und ich konnte uns Gehör verschaffen.
Vielen Dank und einen schönen Tag noch!

 

Marco Organo

Schwarzschlachten vs. HACCP*
Ein letztes Quiek. Dann Bolzen.
Borsten sengen. Haut noch gerben.
Haxen, Schnauze, Ohren
für Suppen und Sülzen.
Frühstück: Hack und Schnaps.
Hacken. Spalten. Schlitzen.
Sieden. Seihen. Salzen.
Waschen, Würzen, Wursten –
Mondfahrtgenormt
sind Wurst und Blut
klebt an Roboterarmen.

* Hygienenorm der Nasa aus dem Jahr 1959,
nach der Astronautennahrung möglichst keim-
frei gehalten werden soll.

 

Christina Petzold

Mondschein

Verworrene Schatten,
Die trunken über Dächer tanzen.
Treffen sich, verschmelzen.
Mit dem Mond als Zeuge ihrer Sünden.
Ich will, dass er‘s der Welt erzählt,
enn mein Mund, für immer verschlossen
durch die Stille,

Will nicht sprechen oder singen
Von dem Verbrechen, das sie so gern begehn.
Dort liegen, während sich der Himmel
Blutrot färbt und verschwindet.
Flugzeuge und Züge kämpfen
Um die Vorherrschaft der Nacht.
Die Nacht kämpft auch,
Ihr unendlicher Kampf gegen den Tag.
Und sie gibt auf,
Das Blau verfärbt zu Pink,
Der Bote der Sonne ist zu früh.
Und wie der Mond verschwinden diese Schatten,
Zurück im Versteck, sicher vor der Dreistigkeit
des Tages.
Die Welt, niemals bereit,
Kann ihre Verbrechen nicht verstehn.

 

Danilo Pockrandt

Sonneck IX

Die Neugier der Wanderer
weicht von den Pfaden, spürt
unter Stiefeln das Zarte nicht.
Ein Spinnweb, machtlose
Stolperfalle, schimmert im Licht,
Geplapper drängt alles
zurück: Pilze, kleine Waldgeister,
ducken sich ab, Vögel ersticken
ihr Lied in den Wipfeln.

Ich dulde die Stille, dehne
mich aus – in mir ist alles friedlich,
als wär ich nicht da.

 

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